Am 12.04. wurde dieses Gebäude für ca. 28stunden besetzt.
126 Personen wurden bei der Räumung Polizeilich erfasst und über 400 Menschen waren an der Aktion beteiligt.
Communiqué vom Plenum der Hausbesetzung [Spitalgasse | Wien]
Wir haben heute Nacht das Haus in der Spitalgasse 11 in Wien
besetzt. Die weltweiten "Aktionstage für Besetzung und autonome Räume"
haben uns dazu motiviert - aber nicht nur: Die Raumsituation in Wien
spricht unerträgliche Bände. Überteuerte Mieten machen das Leben für
die meisten Menschen zu einem täglichen Kampf, gleichzeitig stehen
unzählige Häuser in Wien leer. Es ist das bekannte Spiel im
Kapitalismus um die Steigerung des Marktwerts. Nicht nur, dass der Raum
zur Ware wird, sondern die selben Maßstäbe der Verwertung gelten für
den Mensch als solches. Wenn man dabei nicht mitspielen will, steht
mensch als Unangepasste am Rande des öffentlichen Lebens. Vielen, die
nicht als zugehörig zum nationalen „Wir“ betrachtet werden, werden von
vornherein von der Raumnahme ausgeschlossen oder gar abgeschoben.
Die Frage ist: Wie Leben? Wofür Leben? Der alltägliche Raum
beherrscht von (Hetero-)Sexismus, Rassismus, Kapitalismus und anderen
Formen der Unterdrückung, die ständige Flucht - auch Kultur genannt -
um sich nicht mit der eigenen Situation konfrontieren zu müssen, diese
Realität engt uns ein. Das kann es nicht gewesen sein!
Was in diesen ersten Stunden in der Spitalgasse 11 passiert, zeigt
einen lebendigen Anfang. Im Vorfeld der Besetzung wurde in einem
Workshop zu queer-feministischer Raumnahme diskutiert, wie die
praktischen Arbeits- und Problembereiche einer Besetzung so gestaltet
und organisiert werden können, dass gängige Verhaltensmuster wie
Paternalismus, Mackerverhalten, Konkurrenz oder gegenseitige
Abwertungen vermieden werden können bzw. zum Gegenstand von Reflexion
werden. Wie der Raum zu einem werden kann, der Spielräume abseits von
Normierungen ermöglicht. Das mehrstöckige Haus füllt sich schnell bis
zu seiner Dachterrasse, was das Bedürfnis nach solch einem Raum
nochmals mehr bestätigt. Während die Clowns vor der Tür für ihre Art
von Ordnung sorgen, hissen andere Transparente, wird in der
provisorischen Küche bereits gekocht und in einem Workshop
Verteidigungsmöglichkeiten diskutiert und erprobt. Party- und Kinoraum
sowie ein Kinderzimmer sind bereits eingerichtet. Matten werden
ausgerollt, die Schlafsäcke hergerichtet - ein kollektives Wohnprojekt
entsteht. Auch wenn das Plenieren in der großen Gruppe vorerst noch
recht mühsam ist, funktionierte die Selbstorganisation links gut.
Hiermit ist der Versuch gestartet, das Neue im Jetzt und Hier zu
verwirklichen, welches wir betitelt haben mit Autonomie, Solidarität,
Freiheit, Anarchie und anderen schönen Begriffen. Dies sind jedoch
nichts als Wörter. Wir wollen das Neue erleben, erfahren; zeigen, dass
es noch ein anderes Dasein geben kann! Diese Bewegung hat zur Besetzung
geführt und fordert nicht nur alle dazu auf, den atopischen Raum zu
verteidigen, sondern gemeinsam diesen neuen Raum zu gestalten und zu
erweitern. Es ist an der Zeit.
aus dem Besetzer-Innen-Plenum, Wien, am 13.04.2008

